Die EU-Quote für Streaming-Anbieter ist Schrott (Kommentar)

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(Credits: AP Images/Europäisches Parlament)

Das Europäische Parlament hat entschieden: In Zukunft müssen 30 Prozent des Angebots von Streaming/VoD-Anbietern wie Netflix, Amazon Video und Co. aus europäischer Produktion stammen. Das heißt, die Gesetzgeber implementieren eine EU-Quote für Filme und Serien bei diesen Diensten. Hier ein kurzer Auszug aus der Mitteilung des Europäischen Parlaments von dessen Website:

In order to support the cultural diversity of the European audiovisual sector, MEPs ensured that 30% of content in the video-on-demand platforms’ catalogues should be European.

Formal muss die Abstimmung des Parlaments noch vom Rat der Europäischen Union bestätigt werden, von der Zustimmung ist aber auszugehen. Ist das geschehen, haben die EU-Mitgliedsstaaten 21 Monate Zeit, das neue Gesetz umzusetzen und in der nationalstaatlichen Gesetzgebung zu implementieren. Zudem sollen Video-on-Demand-Anbieter zur europäischen Medienkultur beitragen, indem sie selbst in Europa produzieren oder wahlweise in entsprechend ausgelegte Fonds investieren. Die Höhe der finanziellen Aufwendungen für einen der beiden Wege soll sich am Umsatz des jeweiligen VoD-Anbieters im jeweiligen Land orientieren.

Im Zuge der Abstimmung über die 30-Prozent-Quote ging es auch um neue Bestimmungen zu Werbung und Jugendschutz bei Streaming- beziehungsweise VoD-Plattformen, darum soll es hier aber nicht gehen. Die gesamte Mitteilung des EU-Parlaments in englischer Sprache ist hier nachzulesen.

Warum die Quote Schrott ist

Was soll man nun von dieser staatlich festgelegten Quote halten? Natürlich klingt es erstmal vielversprechend, immerhin soll das Gesetz ja den europäischen Produktionen zugute kommen und somit uns Menschen und vor allem Medienschaffenden, die hier leben. Tolle Sache, oder? Grundsätzlich bin ich auch durchaus ein Freund von einer vorsichtigen staatlichen Lenkung des sonst schnell zu radikalen Kapitalismus in die richtige (meist soziale) Richtung und die Europäische Union halte ich für eine der größten Errungenschaften der europäischen Geschichte und einen Frieden stiftenden Fortschritt sondergleichen. Aber: Die EU-Quote für Video on Demand ist meiner Meinung nach eine Mogelpackung oder hart ausgedrückt: Schrott.

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Mit Eigenproduktionen wie The Rain bietet beispielsweise Netflix bereits richtig gute europäische Produktionen an, die auch von Netflix finanziert werden. (Credits: Netflix)

Erstens ist völlig unklar, wo der Anteil europäischer Produktionen beispielsweise bei Netflix in dessen Katalog aktuell liegt. Meines Wissens nach verfügen auch die EU-Institutionen nicht über genaue Zahlen. Möglicherweise ist die Quote also bei vielen Anbietern ohnehin schon erfüllt, das halte ich bei einem flotten Blick in den Netflix-Katalog aber eher für unwahrscheinlich. Vielleicht unterscheidet sich der Anteil bei den unterschiedlichen Anbietern aber auch stark.

Zweitens finde ich es verwegen, ungeachtet der Qualität und des Geschmacks der Zuschauer alle Produktionen auf eine Stufe zu stellen. Was, wenn die 30 Prozent unrealistisch sind, weil aus Europa einfach zu wenige gute Produktionen kommen? Was, wenn einfach, in absoluten Zahlen gesprochen, viel mehr in den USA produziert wird als hier bei uns?

Drittens: Werden denn all die europäischen Produktionen aus den vielen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen auch allesamt in verschiedene Sprachen, vor allem Englisch, synchronisiert? US-amerikanische Produktionen haben den großen Vorteil, dass sie in der Regel in englischer Sprache entstehen, die auf dem Planeten von den meisten Menschen verstanden wird. Zusätzlich werden viele Produktionen zumindest für Deutschland in unsere Sprache übersetzt. Ich bezweifle, dass üblicherweise Filme und Serien aus Spanien, Italien oder Polen in Englisch und somit für die Weltbevölkerung verständlich produziert werden, geschweige denn werden sie in weitere Landessprachen wie der unseren übersetzt. Soll die EU-Quote dann auch Übersetzungen vorschreiben, um überhaupt zu funktionieren?

Viertens gibt es eine ganz simple Möglichkeit, die Quote zu erzielen und gleichzeitig weder die europäische Medienlandschaft zu fördern noch den Zuschauern etwas Gutes zu tun: indem man ganz einfach viele nicht-europäische Filme und Serien aus dem Angebot streicht, wodurch sich auch das Angebot im Gesamten verringert.

Musikantenstadl
Ich zahle dank GEZ nicht nur für wirklich wichtige Dinge wie journalistisch hochwertige Berichterstattung, sondern auch für sowas wie Musikantenstadl. Das ist genug solidarische Finanzierung im Medienbereich. (Credits: RBB)

Ich zahle schon für Kram, den ich nicht sehen will

Es finden sich sicherlich noch mehr Gründe gegen die nun vom EU-Parlament beschlossene EU-Quote für Video-on-Demand-Anbieter. Und bestimmt gibt es auch Argumente dafür. Ich positioniere mich allerdings ganz klar gegen das Gesetz. Ganz im Sinne der kapitalistischen Idee sollen genau solche Filme und Serien das Angebot von Netflix und Co. ausmachen, die von den Kunden gewünscht werden, die ja immerhin mit ihrem monatlichen Beitrag die Kosten tragen. Das gilt zwar nicht für alle Länder, aber zumindest in Deutschland haben wir zudem schon ein von der Allgemeinheit finanziertes Angebot an Fernsehen, Radio und Co., das deutlich mehr kostet als Netflix oder Amazon Video und dessen Abo ich nicht kündigen kann.

Meinetwegen dürfen die GEZ-finanzierten Beiträge gerne auch auf Netflix verfügbar sein, natürlich ohne weiteren Aufpreis, denn immerhin habe ich ja schon dafür bezahlt. Auf YouTube wird diese Taktik nun ja schon eine Weile und in letzter Zeit immer weitreichender gefahren. Ich befürchte vom aktuellen Beschluss im Endeffekt einfach nur einen Nachteil für uns Kunden von VoD-Diensten, wenn die Plattformen dann gezwungenermaßen mit europäischen Produktionen gefüllt werden, die ich gar nicht haben will. Es reicht, dass ich dank GEZ schon Musikantenstadl und Fußballübertragungen finanzieren muss, die ich nicht sehen will.


Was haltet ihr von der EU-Quote für VoD- und Streaming-Anbieter?

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